40¼ Jahre mit Herz, Geduld, Nadel und Faden
«Seit der 2. Klasse wusste ich: Ich werde Handarbeitslehrerin.»
Wenn sie an ihren ersten Arbeitstag zurückdenkt, muss sie lächeln. Es war Oktober 1985.
«Ich war sehr nervös. Es war meine erste feste Stelle überhaupt. Die Schule Benken war klein, das Team bestand aus etwa 14 Personen. Damals unterrichtete ich nur die Mädchen. Die Jungs gingen in den Werkunterricht. Die Kinder hatten deutlich mehr Handarbeitsunterricht als heute. Dadurch konnte ich eine ganz andere Beziehung zu ihnen aufbauen.»
Schon früh stand für sie fest, welchen Weg sie einschlagen wollte.
«Seit der 2. Klasse wollte ich Handarbeitslehrerin werden – und nichts anderes.»
Vier Jahrzehnte Wandel
Wer über 40 Jahre an derselben Schule tätig ist, erlebt zahlreiche Veränderungen.
«Es gab immer wieder neue Lehrpläne und Anpassungen. Die grösste Veränderung war sicher, dass Jungen und Mädchen heute gemeinsam unterrichtet werden. Auch die Unterrichtszeit wurde stark reduziert. Dadurch konnte ich den Kindern nicht mehr alles vermitteln, was früher möglich war.»
Früher war vieles klar vorgegeben. In der 4. Klasse beispielsweise wurden Flickhandschuhe gestrickt, in der 5. Klasse Fäustlinge und in der 6. Klasse Socken oder Hüttenfinken. Heute steht die Kreativität stärker im Mittelpunkt.
Innerhalb der vorgegebenen Technik frage ich die Kinder auch manchmal: «Was möchtet ihr machen? » Wenn möglich, lasse ich ihre Ideen einfliessen. So entstehen einzigartige Arbeiten. Eine Blume aus Sandwich-Tüten sah bei jedem Kind anders aus. Oder eine Tasche, die von den Kindern mit einem selbst gewählten Logo gestaltet und verziert wurde.»
Kunstwerke, die in Erinnerung bleiben
Natürlich gibt es viele Projekte, die sie nie vergessen wird.
«In der Realschule strickten wir einmal Pullover. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir aber ein gewebtes Bild mit einem Schwan auf einem See. Der Schwan spiegelte sich im Wasser, die ganze Umgebung war mit eingearbeitet. Es war ein Bild, das lebte. Ein echtes Highlight.»
Begegnungen, die bleiben
Was sie an ihrer Arbeit besonders geschätzt hat, sind die Menschen.
«Es gab unzählige schöne und lustige Momente. Wichtig war mir immer auch das Team. Wenn das Team stimmt, trägt es einen durch den Alltag.»
Nach über vier Jahrzehnten begegnet sie heute immer wieder ehemaligen Schülerinnen und Schülern.
Besonders berührt hat sie ein ehemaliger Schüler, der heute als Gärtner arbeitet und ihren Garten pflegte.
«Ich sagte zu ihm scherzhaft: Musst du jetzt ausgerechnet zu deiner nervigen Handarbeitslehrerin kommen? Da antwortete er: Nein, bei Ihnen hatte ich immer gute Noten.»
Eine andere Begegnung fand im Dorfladen statt.
«Ein ehemaliger Schüler sagte zu mir: Du warst manchmal streng, aber du hast mich nie aufgegeben. Das hat mich sehr berührt.»
Und als sie einmal im Schulhaus einer Mutter begegnete, die einst selbst ihre Schülerin war, meinte diese mit einem Lächeln:
«Du gehörst inzwischen auch schon zum Inventar.»
Was die Kinder sie gelehrt haben
Nicht nur die Schülerinnen und Schüler lernten von ihr – auch sie lernte von ihnen.
«Früher hatte ich oft einen festen Weg im Kopf. Die Kinder zeigten mir aber, dass es mehrere Wege zum Ziel gibt. Wenn jemand eine andere Idee hatte und diese funktionierte, lernte ich, diese zuzulassen.»
Besonders schön war es für sie, wenn sie sah, dass ihr Unterricht Wirkung zeigte.
«Eine Mutter erzählte mir einmal, ihr Sohn habe grosse Schwierigkeiten mit der Feinmotorik gehabt. Durch die Handarbeit entwickelte er plötzlich Interesse und übte sogar freiwillig zu Hause. Seine Feinmotorik verbesserte sich deutlich.»
Gleichzeitig beobachtete sie, wie sich die Voraussetzungen der Kinder verändert haben.
«Früher brachten viele Kinder bereits Fähigkeiten von zu Hause mit. Manche konnten schon stricken. Heute ist das eher selten geworden.»
Gegen Widerstände den eigenen Weg gegangen
Auf ihre berufliche Laufbahn ist sie besonders stolz – auch weil sie nicht selbstverständlich war.
«Seit meiner Kindheit trage ich zwei Hörgeräte. Als es um die Berufswahl ging, rieten mir mein Ohrenarzt und andere Personen von meinem Traumberuf ab. Sie sagten: Das schaffst du nicht.»
Doch sie liess sich nicht entmutigen.
«Die Berufsberatung bestärkte mich. Ich glaubte an mich selbst und ging meinen Weg – trotz meiner Einschränkung.»
Heute blickt sie mit berechtigtem Stolz zurück.
«Wie man sieht, konnte ich diesen Beruf über 40¼ Jahre ausüben.»
Was eine gute Handarbeitslehrerin ausmacht
Auf die Frage nach den wichtigsten Eigenschaften muss sie nicht lange überlegen:
«Teamfähigkeit, Geduld, handwerkliches Geschick und Lösungsorientierung. Gerade weil man sich Räume und Materialien teilt, ist Zusammenarbeit enorm wichtig.»
Zeit für Familie, Gesundheit und das Leben
Der Abschied fällt nicht leicht.
«Ich werde die Kinder, das Unterrichten, das Team und auch die Struktur im Alltag vermissen.»
Gleichzeitig freut sie sich auf den neuen Lebensabschnitt.
Nach gesundheitlich anspruchsvollen Zeiten möchte sie nun bewusst kürzertreten.
«Ich möchte das Leben geniessen, gesund aufstehen dürfen, Zeit mit meiner Familie verbringen und meine Enkelin aufwachsen sehen.»
«Handarbeiten werden sicher weiterhin einen Platz in meinem Leben haben, aber nicht mehr so zentral wie bisher. Jetzt freue ich mich darauf, mit meinen Hunden unterwegs zu sein und einfach den Moment zu geniessen.»
Ein Abschied voller Dankbarkeit
Zum Abschluss blickt Annemarie noch einmal zurück:
«Vor mir war eine Handarbeitslehrerin rund 30 Jahre an der Schule Benken tätig. Damals dachte ich: So lange bleibe ich bestimmt nicht.»
Heute kann sie darüber schmunzeln. Aus den 30 Jahren wurden 40¼ Jahre – 40¼ Jahre voller Kreativität, Geduld, Engagement und Herzblut.
«Dies war meine erste feste Anstellung – und gleichzeitig meine letzte.»
Während unseres Gesprächs wurde schnell spürbar, mit wie viel Leidenschaft, Hingabe und Menschlichkeit Annemarie ihren Beruf ausgeübt hat. Ihre Erzählungen sind geprägt von Dankbarkeit, wertvollen Erinnerungen, bewegenden Begegnungen und einer tiefen Verbundenheit zur Schule, zu den Kindern und zum Team.
Über vier Jahrzehnte hinweg hat sie Generationen von Schülerinnen und Schülern begleitet, gefördert und geprägt. Sie hat Veränderungen mitgetragen, Herausforderungen gemeistert und unzähligen Kindern nicht nur handwerkliche Fähigkeiten vermittelt, sondern auch Mut, Ausdauer und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten geschenkt.
Liebe Annemarie, wir danken Dir von Herzen für Deine 40¼ Jahre an der Primarschule Benken. Für Deinen unermüdlichen Einsatz, Deine Geduld, Deine Kreativität und die vielen Spuren, die Du in den Herzen von Kindern, Eltern sowie Kolleginnen und Kollegen hinterlassen hast.
Ebenso danken wir Dir für das offene und berührende Gespräch, in dem Du uns an Deinen Erinnerungen, Erfahrungen und persönlichen Gedanken hast teilhaben lassen.
Für Deinen neuen Lebensabschnitt wünschen wir Dir von Herzen gute Gesundheit, viele glückliche Momente mit Deiner Familie und Deiner Enkelin, Zeit für alles, was Dir Freude bereitet und vor allem die Ruhe, das Leben in vollen Zügen zu geniessen.
Du gehst in Pension – die Spuren, die Du hinterlässt, werden jedoch noch lange bleiben.